Verteidigung, oder über die Ermöglichung des Angriffs

Wenn ich angegeriffen werde verteidige ich mich. Oder ist es anders herum? Wenn ich mich verteidige werde ich angegriffen?

Verteidigen ist reaktiv. Es ist bezogen auf das, was ausserhalb von uns geschieht. Da wir dabei Bezug nehmen auf die Handlung des gegenübers, bestärken wir diese.

Wenn mir jemand schaden will, macht es Sinn diesen Willen zu stärken?

Ich würde meine Haltung abhängig vom Gegenüber machen und dabei meine eigenen Möglichkeiten und Ausdrücke auf das reduzieren, was zum Gegenüber passt. Schaffe ich es jedoch die Handlung meines gegenübers nicht zu bewerten, bleiben die Möglichkeiten, nach meinen Vorstellungen und Bedürfnissen zu handeln, offen. „Da kommt Kraft auf mich zu“ oder „jemand versucht Kontakt aufzubauen“ sind Formulierungen, welche mehr Entscheidungsspielraum zulassen.

Dabei schwindet ebenfalls die Angreiffbarkeit, da die Aktionsmöglichkeiten offen bleiben. Statt Konflikte fortzuführen, werden sie in ihrer Entstehung aufgelöst.

Was im Kern das Ziel der meisten Kampfkünste ist.

Opfer, Täter, Vergangenheit

Kann ich die Verantwortung für mich und meine Handlungen übernehmen..

..wenn ich mich als Opfer verstehe? Nein, ich lehne sie sogar ab. Jemand anders hat Schuld, hat mir etwas zukommen lassen wogegen ich mich nicht verteidigen konnte oder es nicht einmal versucht habe. Meine einzige Tat liegt darin, dass ich die Schuld gerade jemand anderem zukommen lasse.

..wenn ich als Täter erscheine? Schon eher. Die Verantwortung wird mir so vollumfänglich zugesprochen, dass ich alleine die Verantwortung für eine Situation trage. Was es aber schwierig macht diese anzunehmen, weil ich genau betrachtet einer handlungsfähigen Person nichts antun kann, ohne dass sie durch Haltung oder Handlung mitbeinflussen kann was gerade passiert.

Schuld und Unschuld genauso wie Täter und Opfer existieren tatsächlich nur in der Vergangenheit. Was wir mit Schuldzuweisungen genau machen, ist also eine Projektion der Vergangenheit in die Gegenwart um unsere Macht oder unseren Einfluss wiederherzustellen. Die aktive und passive Rolle wird getauscht. Dabei ist jedoch jeder sosehr mit sich selbst beschäftigt und zugleich auf den anderen fixiert, dass der Bezug zur gemeinsamen Gegenwart und Zukunft verstummt.

Die beschriebenen Strategien bestehen nur in sozial organisierten Gesellschaften und werden durch Normen und Gesetze unterstützt. Dass soll kein Argument sein um Normen, Gesetze oder soziale Gesellschaften abzuschaffen. Eher soll deutlich gemacht werden, wie leicht wir es uns machen und wie leicht es fällt wenn wir uns mit den Rollen der Schuld und Unschuld identifizieren. Wenn wir also unsere Verantwortung ablehnen oder über unsere Grenze hinaus annehmen.

Ist diese Strategie die Bestmögliche für mich? Was für Alternativen bleiben mir?

Wenn ich in Bezug zu mir selbst und dem Gegenüber bleibe und die Situation mitbewege.. kann ich dann zum Opfer oder Täter werden?

Weichheit

Weichheit wird oft als etwas passives wahrgenommen.

Etwas Weiches formt sich unter Einwirkung der Umwelt um. Das heist, die Form ist plastisch, anpassbar und in ihrer Fähigkeit darauf angewiesen ein aktives Gegenstück zu haben. In dieser Beziehung steht jedes Leben das sich seiner Umwelt anpasst, aber auch Landschaften die sich durch die Kräfte des Himmels wandeln sowie die stetige Wechselwirkung zwischen Körper und Geist. Wie aber sieht dabei Weichheit aus wenn sie aktiv ist, also ebenfalls umformend wirkt? Wenn die Umformung wirkt bevor Kräfte umformen, oder Formen entstehen die nicht auf direkte Einwirkung der Umgebung schliessen lassen?

Es ist nicht mehr nur eine Umformung durch die Dinge wie sie gerade kommen. Vielmehr ändert sich die Form harmonisch in Bezug auf das Kommende. Wenn das Kommende gänzlich eintrifft, begegnet es einer Form, welche das exakte Gegenstück bildet.

Dem was kommt wird Raum gegeben. Es scheint dann mehr so, als ob sich die Dinge gefunden haben. Weichheit wird dann etwas Expansives, etwas das Raum gibt aber diesen auch einnimmt, sodass es in Verbindung mit der Umgebung tritt, ihr anhaftet und diese umgibt. Weichheit reduziert dadurch den Kraftaustausch direkt an der Oberfläche, leitet Kräfte durch Strukturen und lässt Raum für die dahinterliegenden Vorgänge und möglichen Intentionen.

Was bedeutet Weichheit für Kampfkünste?

Weichheit lehrt zwischen Absichten und deren körperlicher Ausdruck nach belieben wandeln zu können und gleichzeitig den Bezug zum Gegenüber zu halten. Es eröffnet eine Vielzahl an Möglichkeiten dem Gegenüber zu begegnen, diesem Raum zu geben ohne den eigenen Raum einzuschränken. Es zieht eine körperliche Auseinandersetzung auf eine geistige Ebene, indem sich nicht mehr herkömmliche Reflexe, sondern Intentionen aufeinander wirken. Intentionen, welche sich auf einen Selbst als auch das Gegenüber im gegenwärtigen Moment beziehen.

Für eine wirkliche Weichheit benötigt es Sensitivät, ein Gespür und Neugier für sich und das Gegenüber. Es bezieht die Absichten immer mehr auf den kurzen Moment um das Jetzt herum. Verlässt die Aufmerksamkeit diesen kurzen Zeitraum und haftet an etwas Vergangenes an oder fixiert einen Zustand in der nahenden Zukunft, so verliert sich diese Weichheit und der Bezug zum gegenüber. Mit der Weichheit geht auch die Fähigkeit verloren Kraft aufzunehmen, abzuleiten und die eigene Struktur in Bezug zum Gegenüber wirken zu lassen.

Weichheit fordert also ein Gespür und Gehör für sich und das Gegenüber. Darüber hinaus verlangt sie nach Präsenz in der Gegenwart. Den Fokus also auf dem zu lassen was uns belangt ohne von Vergangenem, Zukünftigem oder Möglichem abgelenkt zu werden. Für Kampfkünste aber auch das tägliche Leben schafft dies einige Herausforderungen und ein nie endendes Potential zum lernen.